„Good Girls“: Die erträgliche Seichtigkeit des Gangsterdaseins

    Gangsterdramedy um drei Vorstadtfreundinnen verharrt im Soapigen

    "Good Girls": Die erträgliche Seichtigkeit des Gangsterdaseins – Gangsterdramedy um drei Vorstadtfreundinnen verharrt im Soapigen – Bild: NBC
    Die „Good Girls“ baden kurzzeitig in Geld: Ruby (Retta, l.), Beth (Christina Hendricks) und Annie (Mae Whitman)

    Das Genre von Serien, in denen Normalbürger aus ihrem Alltag mit Job, Familie und Langeweile gerissen werden um in die Welt des Verbrechens einzutauchen, ist gewiss nicht neu. Die in den USA von NBC hergestellte Serie „Good Girls“ erweitert es jedoch um eine neue Facette: Drei „brave“ Hausfrauen sehen sich mit dem Rücken zur Wand gestellt. Zum Wohl ihre Kinder sehen sie sich gedrängt, einen kurzen Sprung auf die falsche Seite des Gesetzes zu nehmen – und erliegen dann den Verlockungen, aus ihrem bisherigen, fremdbestimmten Leben auszubrechen.

    Dabei fehlt es dem Trio aus Hausfrau Beth (Christina Hendricks), Kellnerin Ruby (Retta ) und Supermarktkassiererin Annie (Mae Whitman) – Beths kleine Schwester – an der latenten Wildheit, die Nancy Botwin aus „Weeds“ oder Teresa Mendoza aus „Queen of the South“ schon vor deren jeweiligen Einstieg in die Illegalität auszeichnete. Beth kümmert sich als Soccer Mom um ihre vier Kinder, während ihr Ehemann Dean (Matthew Lillard) mit dem Autohaus der Familie in finanzielle Schieflage gerät und zudem noch eine Affäre beginnt. Ruby ist es gewohnt, im Job von hochnäsigen, wohlhabenden Teenagern gegängelt zu werden, und das ruhig hinnehmen zu müssen – aber dass ihre kleine Tochter während der Wartezeit auf eine Nierentransplantation jede Lebensfreude verloren hat, setzt ihr zu. Da kann auch der treue Ehemann Stan (Reno Wilson, „Mike & Molly“) nichts ändern – der als „Mall Cop“ selbst viel Spott zu ertragen hat. Annie war immer ein bisschen das schwarze Schaf ihrer Familie, wurde früh ungeplant schwanger. Aber mittlerweile geht sie in der Fürsorge für ihre Tochter Sadie (Izzy Stannard) auf und ist dafür auch bereit, Anmachen von ihrem Vorgesetzten Boomer (David Hornsby, „It’s Always Sunny in Philadelphia“) zu schlucken.

    Doch Bedrohungen des Wohls ihrer Kinder sorgen dafür, dass die drei sich zum Äußersten getrieben sehen und beschließen, einen Supermarkt zu überfallen – Annie hat einschlägige Erfahrungen als Überfallopfer gemacht und weiß, dass ein paar Zehntausend Dollar als Beute im Geldtresor winken und die Polizei schnell aufgibt, wenn die Räuber sich nicht zu dumm anstellen, zumal solche Fälle dann eh die Versicherung reguliert.

    Die „Good Girls“ haben versehentlich Gangster Rio (Manny Montana) beklaut

    Für Beth geht es darum, die im Rückstand befindliche Hypothek zu begleichen, um für ihre Kinder das Haus zu halten, Ruby könnte damit die mehrere Tausend Dollar hohe private Zuzahlung für ein Medikament stemmen, das ihrer Tochter wieder Lebensfreude ermöglichen würde, und Annie hat gerade erfahren, dass Sadies Vater Gregg (Zach Gilford) zusammen mit seiner wohlhabenden Ehefrau um das Sorgerecht klagen will. Am Anfang ist alles ganz einfach: Der Überfall gelingt, die drei Frauen können ihr Leben ein paar Stunden lang in die eigene Hand nehmen, müssen sich nicht von der Welt herumschubsen lassen. Mehr noch: Aus irgendeinem Grund haben sie sehr reichhaltige Beute gemacht – 500.000 statt der erwarteten knapp 30.000 US-Dollar – und können somit alle Sorgen abschütteln.

    Auf den ersten Freudentaumel kommt jedoch schnell die Ernüchterung: Das Geld gehörte nicht einem Supermarkt, sondern Gangstern um den stark tätowierten und sehr finster dreinblickenden Rio (Manny Montana, „Graceland“). Und der will nun sein Geld zurück haben. Dumm nur, dass in der Zwischenzeit die ersten Ausgaben getätigt wurden und die drei Damen nicht mehr alles haben. So schulden die Damen dem Gangster schließlich „einen Gefallen“. Bei dessen Erledigung durchlaufen sie schnell den Zyklus von Angst, Frust, Hilflosigkeit und schließlich nach beherztem Durchgreifen – und einem kleinen Unfall – den Adrenalinrausch des Erfolgs. So ist für das Trio auch nach diesem Gefallen nicht Schluss – denn auch die nächste Hypothekenrate will bezahlt und im nächsten Monat neue Medikamente gekauft werden …

    „Good Girls“ ist für das Massenpublikum gemacht, und so steht zunächst auch eher das bürgerliche Leben der drei Protagonistinnen im Zentrum, vor allem ihre Machtlosigkeit gegen die äußeren Umstände: Nach dem Betrug durch ihren Mann steht Familienmensch Beth nicht nur emotional vor dem Nichts – sie hat nie gearbeitet, kein eigenes Geld oder Kreditwürdigkeit. Ruby ist es gewohnt, herablassend behandelt zu werden – aber ihre Tochter leiden zu sehen, weil sie ein helfendes Medikament nicht verschrieben bekommen kann, bricht ihr das Herz. Annie leidet ebenfalls unter dem Unglück ihrer Tochter, die genderqueer auftritt und in der Schule massiv gehänselt wird. Da kann sie ihren übergriffigen Vorgesetzten und auch einen Gerichtsstreit mit dem Ex gar nicht brauchen.

    Boomer (David Hornsby) hat die unrühmliche Hauptrolle in Annies #MeToo Geschichte

    Familienprobleme sind bei den „Good Girls“ also weitestgehend der Schwerpunkt. Um das Verbrechen brauchen die Protagonistinnen sich zunächst nicht zu kümmern – das wird ihnen von Rio auf dem Silbertablett präsentiert. Während es bei anderen Serien des Genres darum geht, wie die Protagonisten immer weiter von der Gier verschlungen werden und gewalttätige Grenzen überschreiten, sind die Nebenhandlungen bei „Good Girls“ eben familiärer Natur: Dean will zu Beth und seiner Familie zurückkehren. Ruby deklariert die Finanzspritze für die Medikamente als anonym erhaltene Spende – und plötzlich schmückt sich jemand damit, diese Spende geleistet zu haben. Annie lässt einen Gangster die Teenager einschüchtern, die ihre Tochter drangsaliert haben. Daneben muss sie sich weiter mit den ungewollten Avancen ihres Chefs herumschlagen, der dummerweise bei dem Überfall zugegen war und sie an einem Tattoo erkannt hat – das spiegelt ebenfalls im Wesentlichen eine Alltagssituation wieder, wo ein Mann seine Machtposition ausnutzen will, um den Widerstand einer Frau gegen seine Avancen zu brechen.

    So entwickelt sich ein Schneeball von Lügen gegenüber der eigenen Familie. Und der Versuch, das eine Problem zu lösen, zieht ein neues nach sich. Immer mutiger werden die Frauen in ihren illegalen Taten und Forderungen – wie auch bei anderen Serien des Genres. Doch letztendlich besteht hier der Charme der Serie daraus, dass immer wieder klar wird, dass sie Amateure sind und das auch bleiben werden, jede Grenzüberschreitung wird dadurch unterlaufen, dass andere es schlimmer treiben. Das wird zudem dadurch unterstützt, dass ihr „Auftraggeber“ Rio weder in Drogen- noch Waffengeschäfte verstrickt scheint und die Serie – zumindest eingangs – weitestgehend von Verbrechen handelt, die moralisch ambivalent genug bleiben, dass man sich einreden kann, dass es keine (unschuldigen) Opfer gibt: Die Frauen nehmen sich das vom „System“ zurück, was das System einem selbst jahrelang abgeknöpft hat.

    „Good Girls“ mischt Spannung mit einer Prise Gaunerhumor, wenn die drei Hausfrauen im Umfeld von Berufsverbrechen fehl am Platz wirken. Im Laufe der Staffel steigt der Druck auf die Frauen durch ihre Lügen im Privatem und auch durch die Polizei, deren Interesse durch ihre Verbindungen zum „echten“ Gangster Rio geweckt wird. Am Ende bleiben drei Viertel Soap und ein Viertel Gangsterdrama. Wem diese Mischung aus Unterhaltung, bei der man mit den lange Zeit ungerecht behandelten Frauen mitfühlen mag und nicht zuviel hinterfragen will, gefällt, der kann den „Good Girls“ durchaus eine Chance geben. Einen wichtigen Platz in der TV-Geschichte wird die Serie aber gewiss nicht erhalten.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten vier Episoden der Serie „Good Girls“.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: NBC

    „Good Girls“ wird für den US-Sender NBC hergestellt. Ab Dienstag, dem 3. Juli, ist die komplette erste Staffel mit zehn Episoden in Deutschland bei Netflix verfügbar. In den USA wurde bereits eine zweite Staffel der Serie bestellt.

    US-Trailer zu „Good Girls“

    02.07.2018, 17:22 Uhr – Bernd Krannich/armonieoniriche.com

    Über den Autor

    Bernd Krannich
    Bernd Krannich ist Jahrgang 1974 und erhielt die Liebe zu Fernsehserien quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Fan früher Actionserien und technikbegeistert, Bernd verfiel den Serien spätestens mit Akte X, Das nächste Jahrhundert und Buffy. Mittlerweile verfolgt er das ganzes Serienspektrum von "The Americans" über "Arrow" bis "The Big Bang Theory". Seit 2007 schreibt Bernd beruflich über vornehmlich amerikanische Fernsehserien, seit 2014 in der Newsredaktion von armonieoniriche.com.

    Lieblingsserien: Buffy – Im Bann der Dämonen, Frasier, Star Trek – Deep Space Nine

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